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Herr Dr. med. Gerson Strubel 67434 Neustadt
Facharzt für Innere Medizin, Angiologie zur Fachartikel-Übersicht

Herr Dr. med. Gerson Strubel

Das Lymphödem

Beobachten

1. Häufigkeit

Systematische Untersuchungen zur Häufigkeit des Lymphödems existieren nicht. Man schätzt die Zahl der an Lymphödemen leidenden Menschen auf weltweit 140–250 Millionen. In der Bundesrepublik sind es ca. 2,3 Millionen, meistens als Folge einer Tumorbehandlung. Nach einer Statistik aus dem Jahr 1996 entwickelte sich 9,5 Jahre nach der Brustkrebsbehandlung im Durchschnitt bei 29% der Frauen ein Lymphödem. Eine aktuelle Studie zeigt, dass bei operativer Entfernung eines „Wächter – Lymphknotens in der Axelhöhle (Sentinel – Methode) nach 4 Jahren nur 7% der Frauen ein Lymphödem des Armes entwickelten. Tumoren der Harnwege und der Prostata führen in bis zu 50% der Fälle zu einem Lymphödem. Nach radikaler Operation und Bestrahlung eines Krebses der Schamlippen traten Lymphödeme in 47% der Fälle auf. 15,2% der Frauen und 12,4% der Männer mit Krampfadern weisen klinische Zeichen eines Lymphödems auf.

2. Entstehung

Von den beginnenden Lymphgefäßen (Lymphsinus) werden 4 lymphpflichtige Hauptlasten aufgenommen, die über in der Haut gelegene Leitungsbahnen (Lymphpraekollektoren und –kollektoren), regionäre Lymphknotenstationen („Abfluss in die Tiefe“), tiefe Lymphstämme des Becken-, Bauch- und Brustraumes und schließlich über den Milchbrustgang bzw. über den rechten Brustlymphgang in den Blutkreislauf zurücktransportiert werden. Diese 4 Hauptlasten sind: 1.) die Wasserlast, 2.) die Eiweißlast, 3.) die Zelllast und 4.) die Fettlast. Es existieren grundsätzlich 3 verschiedene Mechanismen, die zur Entstehung eines Lymphödems führen können:

- Die mechanische Unzulänglichkeit: sie entsteht, wenn irgendein krankhafter Vorgang die Transportfähigkeit der Lymphgefäße so stark herabgesetzt hat, dass die normal anfallenden lymphpflichtigen Lasten nicht bewältigt werden können (Niedrigvolumenunzulänglichkeit). Es entsteht ein eiweißreiches, lymphstaubedingtes Ödem (Schwellung), das Lymphödem.

- Die dynamische Unzulänglichkeit: sie entsteht, wenn die Produktion der lymphpflichtigen Lasten so gewaltig ansteigt, dass deren Aufnahme und Abtransport von den Lymphgefäßen nicht mehr gewährleistet werden kann (Hochvolumenunzulänglichkeit). Es resultiert ein eiweißarmes Ödem, zB das entzündliche Ödem.

- Die Sicherheitsventilunzulänglichkeit: hierbei handelt es sich um eine Kombination der beiden bereits erörterten Formen. Die Lymphgefäße sind infolge eines krankhaften Vorgangs in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt und gleichzeitig ist die lymphpflichtige Last erhöht (Sicherheitsventilunzulänglichkeit). Es resultiert ein eiweißreiches, schwergradiges Ödem.

Wenn nun im Unterhautfettgewebe die Eiweißkonzentration durch den Lymphstau über längere Zeit stark erhöht ist, werden faserbildende Zellen (Fibroblasten) über einen komplexen Entzündungsvorgang zur Zellvermehrung und gesteigerten Kollagenfaserbildung angeregt. Dies führt zu einer lokalen Bindegewebsvermehrung und –verhärtung. Den „Faserfilz“ aus harten kollagenen Fasern, der auf diese Weise entsteht, bezeichnet man als lymphostatische Fibrosklerose (LFS). Sie ist das Kernproblem des Lymphödems und unterscheidet es grundsätzlich von anderen Ödemursachen.

3. Klassifikation und Krankheitsbilder

Das Lymphödem ist charakterisiert durch eine ein- oder beidseitige Schwellung der Beine oder Arme (Extremitäten). Sollte es beidseitig sein, so ist das eine Bein (oder der eine Arm) meist stärker geschwollen. Symmetrische Lymphödeme sind sehr selten. Die Hautfarbe bleibt meist erhalten. In der Regel nehmen Fuß- und Handrücken an der Schwellung teil und die natürlichen Hautfalten sind vertieft. Von großer Bedeutung ist das Stemmersche Hautfaltenzeichen. Es ist im Falle verbreiteter, schwer oder überhaupt nicht abhebbarer Hautfalten über den Fingern oder Zehen positiv. Ein zweites charakteristisches Kennzeichen ist die lymphostatische Fibrosklerose (s. o.) Sie findet sich häufig besonders ausgeprägt oberhalb der Innenknöchel und können sehr druckschmerzhaft sein. Im Übrigen geht das Lymphödem meist nicht mit Schmerzen einher. Ausnahmen sind ein Spannungsgefühl zu Beginn, das Lymphödem bei bösartigen Erkrankungen und Schmerzen infolge Beteiligung von Sehnen, Bändern und Gelenken.

Die verschiedenen Lymphödeme können zunächst aufgrund der Ursache ihrer Entstehung eingeteilt werden. Hier unterscheidet man das primäre vom sekundären Lymphödem. Dem primären Lymphödem liegt eine Entwicklungsstörung von Lymphgefäßen und Lymphknoten zugrunde. Man trennt ein angeborenes Lymphödem (Lymphoedema congenitum) von einem frühzeitigen (Lymphoedema praecox = nach der Geburt und vor dem 35. Lebensjahr) und einem späten (Lymphoedema tardum = nach dem 35. Lebensjahr) Lymphödem. Sekundäre Lymphödeme treten bei einem grundsätzlich gesunden Lymphgefäßsystem infolge einer bekannten Schädigung auf. Die häufigsten Ursachen sind bösartige Tumoren, Verletzungen und in tropischen Ländern Parasiten (Filarien).

Eine weitere Einteilung differenziert das einfache Lymphödem von einer Lymphödemkombinationsform. Hierzu zählen die Phleb-, Lymphödeme (Lymphödeme infolge einer Überlastung der Lymphgefäße durch eine Venenerkrankung, zB Krampfaderleiden oder abgelaufene Venenthrombose) und die Lip-, Lymphödeme (Lymphödeme als Folge einer Fettverteilungsstörung).
Eine dritte Möglichkeit bietet die Einteilung nach Erkrankungsstadien (0 – III).
Stadium 0 (Latenz – oder Intervallstadium): die Gliedmaße ist nicht geschwollen, keine Beschwerden. Das Erkennen des Latenzstadiums ermöglicht die Funktions-Lymphszintigraphie (s. u.).
Stadium I (reversibles Lymphödem): die Schwellung ist weich, der Fingerdruck läßt eine tiefe Delle zurück, Gewebeveränderungen bestehen nicht. Die Schwellung bildet sich bei Hochlagerung, während der Nachtruhe oder unter einer Komplexen Physikalischen Entstauungstherapie (s. u.) vollständig zurück.
Stadium II (spontan irreversibles Lymphödem): die Beschaffenheit der Schwellung hat sich verhärtet, der Fingerdruck hinterläßt keine Delle mehr, eine spontane Rückbildung findet nicht mehr statt. Eine weitgehende Wiederherstellung ist nur noch durch eine mehrjährige lymphologische Behandlung möglich.
Stadium III (Elephantiasis): die Elephantiasis ist durch eine extreme Zunahme der Schwellung, durch Verhärtung der Haut und durch warzenförmige Wucherungen gekennzeichnet. Sie bedeutet eine schwere körperliche Behinderung. Auch jetzt kann noch durch eine konsequente Behandlung eine erstaunliche Besserung herbeigeführt werden.
Insbesondere auf der Grundlage dieser Stadieneinteilung wurde der Begriff der chronischen (potentiell) invalidisierenden Lymphangiopathie (CIL) geprägt. Unter einer Lymphangiopathie versteht man dabei ganz allgemein eine Erkrankung der Lymphgefäße. Hierzu zählen das primäre und sekundäre Lymphödem sowie das Phleb-, Lymphödem und das Lip-, Lymphödem (Vorstufe Lipödem). Die etwas abschreckende Wortwahl ist beabsichtigt, um alle Beteiligten (Patienten, Ärzte, Lymphtherapeuten, Kompressionstechniker und Kostenträger) auf die unter Umständen sehr ernsten Konsequenzen einer verzögerten Diagnose und einer unzureichenden Therapie aufmerksam zu machen.

4. Diagnose

Ein Lymphödem wird in der Regel durch die sogenannte „spezifische lymphologische Basisdiagnostik“ nachgewiesen. Diese setzt eine besondere Erfahrung des Untersuchers voraus, um auch frühe Stadien der Bindegewebsvermehrung im Unterhautgewebe (lymphostatische Fibrosklerose) zuverlässig zu erkennen. Zunächst erfolgt die Aufnahme der Krankengeschichte und eine körperliche Untersuchung. Dabei muss auch an mögliche Eintrittspforten für Krankheitserreger, zB Fuß- und Nagelpilz, Wunden etc. gedacht werden. Von großer Bedeutung ist die gekonnte Erhebung des Tastbefundes („intelligenter Finger“). Mit dem „Pinzettengriff“ werden dabei Bindegewebsvermehrung und –verhärtung in der Lederhaut und im Unterhautgewebe durch Abheben bzw. „greifen und fühlen“ nachgewiesen. An Finger- und Zehenrücken wird dann von einem positiven „Stemmer`schen Zeichen“, an allen anderen Körperregionen von einer „verbreiterten Hautfalte“ gesprochen. Wichtig ist die Abgrenzung gegenüber Ödemen infolge von Erkrankungen des Herzens und der Nieren oder eines Eiweißmangels. Hier verschwindet die vermeintliche „Verbreiterung der Hautfalte“ nach längerem Halten vollständig. Ergänzende technische Untersuchungen sind in wenigen Fällen notwendig. Von Bedeutung sind hier lediglich die Funktions-Lymphszintigraphie und die indirekte Lymphographie. Die direkte Lymphographie wird aufgrund schwerer Nebenwirkungen heute nicht mehr durchgeführt. Bei der Funktions- Lymphszintigraphie wird eine kleine, vollkommen ungefährliche Menge eines radioaktiv markierten Eiweißkörpers unter die Haut des Fuß- bzw. Handrückens gespritzt. Danach ist eine standardisierte Belastung (Laufband bzw. rhythmischer Faustschluss) erforderlich, an deren Ende die Strahlenintensität in der Leistenbeuge oder in der Achselhöhle gemessen wird.

Von besonderer Bedeutung ist der Nachweis erschwerender Begleiterkrankungen, wie zB des Krampfaderleidens und der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (Verkalkung der Beinschlagadern). Hierzu wird ein besonderes Ultraschallverfahren, die sogenannte „farbkodierte Duplexsonographie“ eingesetzt, die in der Hand eines erfahrenen Untersuchers rasch und für den Patienten wenig belastend wichtige Informationen liefert. Darüber hinaus erleichtert die „Weichteilsonographie“ die Verlaufskontrolle.

Schließlich findet in besonders spezialisierten Einrichtungen die Volumenmessung (Perometrie) der Arme und Beine als entscheidende Maßnahme zur Qualitätssicherung bei der Diagnoseerstellung und der Sicherung des Therapieeffektes Anwendung.

5. Therapie

Das zentrale Therapiekonzept in der Lymphologie ist die „Komplexe Physikalische Entstauungstherapie (KPE)“. Sie wurde 1892 von Alexander von Winiwarter, einem Wiener Chirurgen, beschrieben. Die KPE setzt sich aus folgenden Komponenten zusammen, die gleichberechtigt nebeneinander stehen:
1.) Hautpflege / Hauttherapie
2.) Manuelle Lymphdrainage (MLD)
3.) Lymphologische Kompressionstherapie
a) lymphologischer Kompressionsverband ( LKV)
b) lymphologische Kompressionsbestrumpfung (LKB)
4.) Bewegungstherapie
a) im LKV / LKB
b) im Wasser
Der Verzicht auf eine oder mehrere Komponenten der KPE führt also zu einer verminderten Effektivität und gefährdet das Therapieziel. Aus diesem Grund ist die vielerorts praktizierte manuelle Lymphdrainage ohne Kompressionstherapie abzulehnen.

Bei der von Vodder entwickelten Manuellen Lymphdrainage handelt es sich um eine leichte, kreisförmige Oberflächenmassage, die mit unterschiedlicher Druckintensität durchgeführt wird. Die Lymphsammelgefäße reagieren hierauf mit einer Erhöhung der Frequenz und Amplitude ihrer Pulsationen und damit der Transportkapazität. Von entscheidender Bedeutung ist dabei, dass man die Ödemflüssigkeit von der Gliedmaßenperipherie nicht einfach nach zentral verschiebt, sondern dass die Behandlung der angrenzenden, staufreien Körperareale Vorrang hat. Die Lymphgefäße dieser Regionen saugen sozusagen die eiweißreiche Lymphe zunächst aus dem Staugebiet des Rumpfes und anschließend aus demjenigen des Beines (Armes) und der Hand (des Fußes). Dies erklärt den relativ hohen Zeitaufwand, den eine fachgerecht durchgeführte MLD benötigt (45 – 60 Minuten).

An jede Manuelle Lymphdrainage schließt sich eine geeignete Kompressionstherapie an. Diese dient zum Einen dazu, den Rückfluss der Lymphe zu verhindern. Zum Anderen soll aber auch durch Minimalbewegungen von Bindegewebsschichten eine Gewebelockerung erzielt werden. Hierzu sind zunächst spezielle mehrschichtige lymphologische Kompressionsverbände (LKV) unter Nutzung von Schaumgummimaterialien erforderlich. In der Langzeitbehandlung findet dann eine maßgefertigte lymphologische Kompressionsbestrumpfung (LKB) in flachgestrickter Nahtware Verwendung. Diese muss von speziell ausgebildeten lymphologischen Kompressionstechnikern angemessen und in der Regel alle 6 Monate erneuert werden.

Die Langfristtherapie gliedert sich in 2 Phasen: in der Phase 1 (KPE 1), auch als Entstauungsphase bezeichnet, erhält der Patient an 5-6 Tagen in der Woche eine Manuelle Lymphdrainage. Im Anschluss wird ein Lymphologischer Kompressionsverband angelegt, der bis zur nächsten Behandlung, d.h. auch am Wochenende nicht abgenommen werden sollte. Lediglich kurzfristige Unterbrechungen der Kompression zur Körperpflege sind erlaubt. Nach 70 – 80% der KPE 1 wird die lymphologische Kompressionsbestrumpfung als flachgestrickte Nahtware in der Physiotherapiepraxis in unmittelbarem Anschluss an eine Manuelle Lymphdrainage angemessen. Die Phase 2 (KPE 2) dient der Erhaltung und Optimierung des in der Phase 1 Erreichten. Hierzu sind zeitlich unbefristet 1-4 Manuelle Lymphdrainagen / Woche erforderlich. Bei fortgeschrittenen Krankheitsbildern sollte an den Lymphdrainagetagen ein lymphologischer Kompressionsverband angelegt werden. Die lymphologische Kompressionsbestrumpfung wird an den übrigen Tagen getragen.

Um allen Schweregraden lymphologischer Krankheitsbilder gerecht zu werden, bedarf es einer kompletten Versorgungskette Lymphologie (Lymphologisches Netzwerk). Sie setzt sich aus folgenden Gliedern zusammen:

1.) Zuweisender Arzt (zB Hausarzt, Facharzt)
2.) Ausgebildeter und zertifizierter Lymphologe
3.) Patientenedukation zur unterstützenden lymphologischen Selbstbehandlung (PULS)
4.) Lymphdrainagetherapeut
5.) Lymphologischer Kompressionstechniker
6.) Lymphologisch – Therapeutische Schwerpunktpraxis zur adäquaten Durchführung der KPE 1
7.) Stationäre Intensiv KPE 1 (lymphologische Akut- und Rehaklinik)
8.) Kostenträger

Von besonderer Wichtigkeit ist die konsequente und kritische Mitarbeit des Patienten. Diese zu fördern ist die Aufgabe von PULS. Aktuell werden in einem 1 tägigen Kurs Grundlagen der Anatomie und Physiologie, Krankheitslehre sowie die Grundlagen der KPE geschult. Dabei wird besonderer Wert auf die Selbstbandagierung und das Erlernen weniger Griffe der manuellen Lymphdrainage gelegt. Leider wird dieser Kurs derzeit regelmäßig nur in Bad Nauheim (Hessen) angeboten. (www.deutsche-lymphschulung. de)

Bei der apparativen intermittierenden Kompression (AIK), auch intermittierende pneumatische Kompression (IPK) genannt, werden die Beine / Arme von speziellen Behandlungsmanschetten umschlossen, die durch ein Steuerungsgerät betrieben werden. Es gibt Ein-, Mehr- und Vielkammergeräte (12 Kammern), wobei nur letztere in der Lymphologie Verwendung finden sollten. Dabei werden die einzelnen Luftkammern nacheinander für eine bestimmte Zeit mit einem definierten Druck aufgeblasen. Zu bevorzugen ist die sogenannte „retrograde peristaltische AIK“, bei der die Luftkammern vom Körperstamm in Richtung der Füße oder Hände mit einem niedrigen Druck (40 mmHg) aufgepumpt werden. Die AIK ist keine Alternative zur Manuellen Lymphdrainage, da sie lediglich Flüssigkeit verschiebt und nicht die Lymphgefäße zu einer vermehrten Tätigkeit anregt. Sie darf daher nur in Ergänzung zur Manuellen Lymphdrainage und ausschließlich bei Phleb- Lymphödemen und Lip- Lymphödemen mit fehlender Abflussbehinderung über die lokalen Lymphknoten eingesetzt werden. Die AIK, die auch als häusliche Behandlung durchgeführt werden kann, sollte daher nur unter Kontrolle eines lymphologisch erfahrenen Arztes durchgeführt werden. Untersagt ist die apparative intermittierende Kompression bei schweren Akuterkrankungen, zB Herzinfarkt, Herzschwäche, Wundrose, akute Thrombose, akute Venenentzündung.

Operative Maßnahmen spielen in der Behandlung des Lymphödems nur eine untergeordnete Rolle. Zahlreiche Verfahren wurden entwickelt, haben sich aber nicht durchgesetzt. Lediglich die Verpflanzung von körpereigenen Lymphgefäßen und Lymphknoten bei einer umschriebenen Abflussblockade hat eine gewisse Bedeutung erlangt. Mögliche Indikationen sind Arme nach Operation der weiblichen Brust mit Ausräumung der Lymphknoten der Achselhöhle und einseitige Lymphödeme der Beine nach Entfernung von Leisten- oder Beckenlymphknoten. In einzelnen spezialisierten Zentren werden nach erfolgreicher konservativer Behandlung weit fortgeschrittener Lymphödeme überschüssiges Gewebe entfernt, um eine Umfangsminderung zu erreichen.

Medikamentöse Behandlungsversuche wurden immer wieder unternommen. Mögliche Wirkmechanismen sind der Abbau von Eiweißen und eine Entzündungshemmung. Allerdings sind die Ergebnisse in den vorliegenden Studien sehr widersprüchlich und es wird über teilweise lebensbedrohliche Leberschädigungen auftreten. Der Gebrauch dieser Substanzen ist daher sehr kritisch zu sehen. Auf den Einsatz von Wassertabletten (Diuretika) sollte, von wenigen Ausnahmen (schwere Lymphödeme bei bösartigen Erkrankungen, kurzzeitige Gabe zur Therapieeinleitung) abgesehen, verzichtet werden, wenn nicht Begleiterkrankungen (zB Bluthochdruck, Herzschwäche) die Gabe dieser Medikamente zwingend erforderlich machen. Wassertabletten haben keinen Einfluss auf den Eiweiß gehalt im Gewebe, bzw. erhöhen diesen aufgrund der Wasserausschwemmung und begünstigen damit die Bindegewebsvermehrung (Fibrose).

6. Komplikationen

Die häufigste Komplikation des Lymphödems ist das Erysipel (Wundrose, Rotlauf), welches ca. 25% der Patienten entwickeln. Bakterien (meist Streptokokken) treten durch die geschädigte Haut (zB Nagel- und Fußpilz, Verletzungen bei der Nagelpflege oder durch Dornen, Glasscherben, Insektenstiche etc) in den Organismus ein und entwickeln, zusätzlich begünstigt durch die schlechte Gewebsdrainage und eine Immunschwäche eine hochfieberhafte Gewebsentzündung mit Schmerzen, Hautrötung und Überwärmung. Typisch ist ein plötzlicher Beginn aus vollem Wohlbefinden mit Schüttelfrost, Erbrechen und starkem Krankheitsgefühl. Entsteht eine Wundrose im Stadium 0 der Latenz des Lymphödems, so führt dies meist zum Ende der Symptomfreiheit. Erysipelschübe im Stadium II sind für die Entstehung des Stadium III verantwortlich. Jedes Erysipel sollte daher Anlaß zu einer lymphologischen Diagnostik (s. o.) geben. Die Behandlung besteht in der Gabe eines Antibiotikums (zumeist Penicillin V oder G, bei Penicillin-Allergie Erythromycin), Ruhigstellung und Kühlung. Die KPE wird für die Dauer der akuten Entzündungsphase ausgesetzt. Auf eine bestehende Penicillin- Allergie ist der behandelnde Arzt unbedingt hinzuweisen (Allergie-Paß). Treten mehr als 3 Wundrosen innerhalb von 9 Monaten auf, so ist eine antibiotische Dauertherapie über 9-12 Monate mit einem Depotpenicillin unbedingt erforderlich.

Weitere Komplikationen sind die lymphostatische Fibrosklerose (s.o.), die Geschwürbildung (zB durch Überdehnung der Haut infolge Lymphstau, durch Infektionen oder begleitende Krampfadern), die chronische Gelenkschädigung (lymphostatische Arthropathie) und sehr selten eine bösartige Geschwulst (Lymphangiosarkom).

7. Möglichkeiten der Vorsorge

Einem primären Lymphödemvorzubeugen ist nicht möglich. Jede unklare, insbesondere einseitige Bein-, oder Armschwellung sollte einem lymphologisch erfahrenen Arzt vorgestellt werden. Ggf. muss dann eine endgültige Abklärung durch eine Funktions – Lymphszintigraphie erfolgen. Weiterhin ist jede unklare Wundrose als Ausdruck eines Lymphödems im Stadium 0 anzusehen und muss lympho- logisch abgeklärt werden. Verletzungen an Händen und Füßen sollten grundsätzlich sorgfältig desinfiziert und bei Bedarf ärztlich beurteilt werden.

Sekundäre Lymphödeme sind zumeist Folge einer Tumorbehandlung. Es sollte hier auf ein möglichst gewebeschonendes Vorgehen geachtet werden, das jedoch die Heilungschancen nicht beeinträchtigen darf. Ein typisches Beispiel ist die Entfernung des Wächter – Lymphknotens in der Achselhöhle beim Brustkrebs unter Verzicht einer vollständigen Beseitigung der entsprechenden Lymphknotengruppe. Entfernung von Leistenlymphknoten zu diagnostischen Zwecken sollten vermieden werden. Operationen im Bereich der Lymphabflusswege (zB Venenentnahme vor Bypassoperationen am Herzen) sollten erfahrene Operateure unter maximaler Gewebeschonung durchführen.
Bei Reisen nach Mittel- und Südamerika sowie nach Afrika ist auf einen entsprechenden Schutz vor Mückenstichen zu achten, um einer Infektion mit Fadenwürmern (Filariose) vorzubeugen.

Wurde ein Lymphödem diagnostiziert, so müssen einige Verhaltensregeln beachtet werden, um einem Fortschreiten entgegen zu wirken. Die KPE sollte wie vorbeschreiben konsequent durchgeführt werden. Ein normales Körpergewicht ist anzustreben. Einschneidende Unterwäsche und enge Gürtel sind zu meiden. Ebenso ist Zurückhaltung bei Sauna und Sonnenbad geboten, ein Sonnenbrand muss unbedingt vermieden werden. Knetende Massagen an der betroffenen Extremität sind untersagt. Das ödematöse Bein sollte in der Nacht leicht erhöht gelagert, der Arm auf ein Polster gelegt werden.

Besonders wichtig ist ein sorgfältiger Schutz der betroffenen Extremität:

- Verletzungen strikt meiden
- Kein enges oder einschneidendes Schuhwerk, keine hohen Absätze
- Nach Möglichkeit nicht barfuß gehen
- Vorsicht bei der Nagelpflege: den Nagelfalz nicht schneiden; Nägel nicht zu kurz schneiden, fachärztliche Behandlung bei Nagelpilz
- Keine allergisierenden oder reizenden Hautpflegemittel, Kosmetika oder Enthaarungscremes verwenden
- Keine Injektion an der betroffenen Extremität, weder in die Haut (subcutan) noch in den Muskel (intramuskulär) oder in ein Gelenk (intraartikulär)
- Beim Armlymphödem sollten auf der betroffenen Seite keine Blutdruckmessungen und keine Blutabnahmen durchgeführt werden
- Beim Armlymphödem sollte auf das Tragen von Schmuck auf der betroffenen Seite verzichtet werden
- Keine Akupunktur an der betroffnen Extremität
- Schutz vor Frostschäden

 


Autor:
Herr Dr. med. Gerson Strubel
Facharzt für Innere Medizin, Angiologie
Stiftstr. 10 67434 Neustadt


Letzte Aktualsierung: 24.08.2010


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