Ärztin für Zahnmedizin
Zahnarzt Praxis Lotze
Hauptstraße 99
67433 Neustadt
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Kopf-, Gesichts-, Nacken- und Rückenschmerzen aus der Sicht des Zahnmediziners

1. - eine ganzheitliche Betrachtungsweise -

Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Probleme mit der Wirbelsäule, sind die meisten Plagen der modernen Gesellschaft. Da die Ursache oft nicht bekannt ist, wird versucht symptomatisch mit Medikamenten zu behandeln. Werden die Probleme chronisch, helfen Medikamente nicht mehr.
Ein Problem der modernen Medizin besteht darin, dass nur Teilaspekte analysiert und beobachtet werden. Eine Vielzahl von Spezialisten konzentriert sich auf ihr eigenes begrenztes Fachgebiet. Eine gemeinsame, interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen allen Fachgebieten ist noch nicht genug verbreitet.
Eine Ganzheitsmedizin berücksichtigt nicht nur Anatomie und Physiologie, sondern auch psychische und biosoziale Aspekte, also den Menschen im Ganzen.
Das hat schon Leonardo da Vinci erkannt, wie auch Aristoteles in seinem berühmten Satz: „Das Ganze ist mehr als die Summe aller Teile.

Es ist noch zu wenig bekannt, dass Schmerzen, welche die ganze Gesundheit beinträchtigen, oft auch etwas mit den Zähnen zu tun haben können.
Wenn Ober- und Unterkiefer nicht optimal aufeinander passen, wenn der Biss nicht mehr stimmt, kann das schwere Folgen für Zähne, Kaumuskulatur und Kiefergelenke haben. Eine Fehlbelastung kann in wenigen Jahren zu einer Arthrose des Kiefergelenks führen, welche ständige Schmerzen zur Folge hat.
In der Fachsprache spricht man von einer CMD (craniomandibuläre Dysfunktion). Noch weniger ist bekannt, dass durch neuromuskuläre Verkettungen die Beschwerden auch in anderen Körperregionen auftreten können, wie zB Probleme mit den Ohren (Tinnitus), der Halswirbelsäule, Probleme mit Schulter und Rücken, um die wichtigsten Folgen zu nennen.
Ein verlagerter Unterkiefer kann die ganze Körperstatik aus dem Lot bringen und die Schmerzen sind in mehreren Körperregionen vorhanden.
Da die Patienten nicht wissen, woher die Schmerzen kommen, laufen sie von einem Arzt zum anderen und meistens werden nur die Symptome behandelt und nicht die Ursache.
Der Weg zur Chronifizierung der Schmerzen, ist geöffnet.
Umgekehrt kann eine funktionelle Störung in anderen Körperregionen zu Störungen und Schmerzen im Bereich des Kopfes, der Kaumuskulatur und der Kiefergelenke führen.
CMD versteckt sich oft hinter einer Vielzahl von Symptomen. Chronische Kopfschmerzen, migräneartige Anfälle, Ohrgeräusche, Schwindelgefühle, Schluckbeschwerden, sind die häufigsten.

Die wichtigsten und auch gefährlichsten Auslöser sind so genannte Parafunktionen (Fachausdruck: Bruxismus), d.h. kraftvolle Zahnkontakte über mehrere Stunden pro Tag oder Nacht. Man unterscheidet zwischen „Zähnepressen“ und „Zähneknirschen“.
Beim Zähnepressen werden die Zahnreihen für mehrere Stunden krampfartig aufeinander gepresst.
Beim Zähneknirschen werden die Zähne kraftvoll für längere Zeit aufeinander gerieben. Da dies unterbewusst geschieht, wird es von dem Betroffenen oft nicht bemerkt. Beim Ausmaß der Kräfte, die auf die Zähne wirken, muss man sich vorstellen, dass ein Gewicht von 300 kg und mehr für mehrere Stunden die Zähne belastet. Die Zähne werden empfindlich, Muskulatur wird verspannt, Kopf und Nackenschmerzen (besonders morgens) entstehen. Zusätzlicher Stress oder psychische Belastungen verstärken die Symptomatik wesentlich. Es kommt zu einem Kreislauf, der schwer zu unterbrechen ist.
Die Ursache für Zähneknirschen oder Pressen liegt nach Prof. Graber, Universität Basel, bei 50% der Fälle in Störungen der Zahnreihen, bei 12% in den Kiefergelenken und 38% ist psychischer Natur. Diese 38% der Patienten sind die größte Herausforderung für die Zahnärzte. Eine funktionelle Therapie scheitert, weil es sich hier um subjektive Beschwerden handelt (psychosomatischen Störungen), ohne einen objektiven Befund.

2. Wer ist von einer CMD betroffen?

Im Prinzip können Kinder wie auch Erwachsene in jedem Alter von einer CMD betroffen werden.
Am häufigsten sind Frauen jüngeren bis mittleren Alters betroffen (achtmal mehr als Männer). Die Wissenschaft ist sich im Unklaren, warum das so ist. Endokrine und hormonelle Aspekte werden diskutiert, wie auch Stress und Mehrfachbelastung der Frau (Familie/ Beruf/ Haushalt). Auch Personen im Prüfungsstress, Managerstress, Personen in Lebenskrisen
können eine CMD entwickeln, besonders durch Parafunktionen oder erhöhter Muskelaktivität durch psychische Belastung. Oft ist auch eine zahnärztliche Behandlung der Auslöser – zu hohe oder zu niedrige Kronen, Brücken, Prothesen, sogar Füllungen.
Ein Beispiel: eine neu gelegte Füllung, die etwas zu hoch ist, ist ein Hindernis. Die so genannten Mechanorezeptoren in der Schleimhaut (feine Tastfüller) registrieren kleinste Abweichung und senden Informationen via Nervenbahnen ins zentrale Nervensystem. Dies führt entweder zu einem veränderten Bewegungsmuster des Unterkiefers, um das Hindernis zu umgehen, was eine schmerzhafte Kaumuskulatur oder ein schmerzendes Kiefergelenk zur Folge hat, oder dieses Hindernis wird, wenn die Abweichung gering ist, unbewusst durch verstärkte Muskelaktivität abradiert.

3. Zu Diagnostik der CMD

Eine ausgedehnte Anamnese ist von größter Bedeutung. Zeitliche Koinzidenz der Entstehung der Schmerzen mit einem Trauma (Schleudertrauma, Sturz, Schlag), eingegliederter Zahnersatz, veränderte Lebensumstände sind wichtige Hinweise.
Eine klinische und manuelle Analyse gibt einen guten Einblick in den funktionellen Zustand des Kauapparates und den dazugehörenden funktionellen Regionen.
Eine erweiterte Diagnostik, speziell wenn das Kiefergelenk verlagert ist, ist die instrumentelle Funktionsanalyse.

Ein computerunterstützes, diagnostisches Hilfsmittel auf Ultraschall-Basis ermöglicht eine Beurteilung des Funktionszustandes der Kiefergelenke und liefert die metrischen Daten mit einer Genauigkeit von 0,1 mm.

4. Zu Therapie der CMD

DieTherapie ist oft sehr einfach und schnell, vorausgesetzt eine richtige Diagnose wurde gestellt. Manchmal reicht es, wenn man eine zu hohe Füllung einschleift oder einen zu hohen Zahnersatz korrigiert.
Bei schwierigen Fällen, zB bei starken Muskelverspannungen, ist eine Physiotherapie begleitend mit einer Aufbißschiene notwendig. Bei akuten schmerzen ist natürlich eine schnelle Schmerzbeseitigung vorrangig, notfalls mit Medikamenten.

Sollte es in Folge einer prothetischen Behandlung zur Verlagerung des Unterkiefers gekommen sein, dann ist eine umfangreiche Behandlung notwendig. Eine dreidimensionale Neupositionierung des Unterkiefers in die physiologische Position gehört zu den schwierigsten Aufgaben bei der zahnärztlichen Behandlung.

Da hat sich die elektronische Positionierung, wegen der Präzision, bewährt. Nach einer Positionierung ist eine prothetische Rekonstruktion notwendig. Hier ist eine genaue zahntechnische, naturgemäß individuelle Konfiguration der Kauflächen mit einer Präzision von 0,1 mm notwendig. Eine exakte Übertragung der Patientengeometrie in das Arbeitsgerät des Zahntechnikers (Artikulator) ist absolute Voraussetzung. Die Backenzähne, wie auch die Frontzähne, müssen in der Form den Mundstrukturen individuell angepasst werden. Form und Funktion sind unzertrennlich. Auch hier sind die Spezialisten gefragt.
Bei strukturellen Veränderungen ist manchmal auch ein operativer Eingriff notwendig.

Um diese erwähnten, schwerwiegenden Störungen zu vermeiden, ist eine funktionsanalytische Betrachtungsweise bei allen, auch bei den kleinsten zahnärztlichen Eingriffen zu berücksichtigen. Funktionsanalytische Leistungen (FAL) sind seit der vorletzten Gesundheitsreform nicht mehr im Leistungskatolog der gesetzlichen Krankenkassen. Die Kosten, die auf den Patienten zukommen, können erheblich sein. Umso wichtiger ist eine Vorbeugung schon im Kindesalter, wie die Erhaltung der Zähne, kieferorthopädische Regulierung unter funktionalen Aspekten, besondere Achtung auf die Erhaltung der Körperstatik. Bei Kindern wie auch bei Erwachsenen gibt es oft Fußdeformitäten, die sich durch Kettenreaktion auf andere Körperregionen übertragen und Knieschmerzen, Hüftschmerzen, Wirbelsäulenprobleme, Kopf und Kiefergelenkschmerzen verursachen können. Hier ist auch eine Funktionsanalyse des ganzen Bewegungsapparates notwendig, um notfalls notwendige Schuheinlagen individuell anzufertigen. Es ist ein großer Irrtum, dass industriell hergestellte Einlagen eine Wirkung haben. Nur individuelle Einlagen (nach Fußabdruck) sind sinnvoll.

Langzeitiguntersuchungen in biomechanischen Labors haben das bestätigt.

5. Zusammenfassung

Krankheiten des Bewegungsapparates sind die häufigsten Krankheiten in der Bevölkerung. Funktionelle Störungen in einem Körpergebiet können sich durch muskuläre Kettenverschaltungen in andere Körperregionen verlagern und Schmerzen wie auch strukturelle Veränderungen verursachen.
Ein Teil dieser Störungen haben ihren Ursprung im Kauapparat, in der Fehlstellung des Kiefers, Verlagerung des Kiefers durch unsachgemäße zahnärztliche Behandlungen (besonders Prothetik, Kieferorthopädie) und durch Bruxismus (Pressen und Knirschen).
Andersherum, Fehlfunktionen aus anderen Körperregionen können sich auch in der Kopf-, Gesichts- und Kaumuskulatur und in den Kiefergelenken auswirken.
Eine interdisziplinäre und eine ganzheitliche Betrachtungsweise ist unabdingbar.
Vorbeugende Maßnahmen schon im Kindesalter ersparen späteres Leiden. Eine umfassende Aufklärung der Bevölkerung ist von großer Bedeutung. Therapie ist oft aufwendig und kostspielig und nur durch Spezialisten zu erbringen.
Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten (besonders Orthopäden), Zahnärzten und Physiotherapeuten muss koordiniert verlaufen.