Facharzt für Urologie
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Die hautnahtfreie Beschneidung: eine Innovative Operationstechnik bei Erkrankungen der Vorhaut

Phimose nennt man eine angeborene oder erworbene Verengung der Vorhaut. Die operative Behandlung der Phimose nennt man Beschneidung (Zirkumzision). In unterschiedlichen Kulturkreisen der Weltgeschichte wird seit vielen Jahrhunderten die Beschneidung durchgeführt. Seit jeher hat es eine rege Diskussion gegeben, ob die Beschneidung durchgeführt werden soll oder nicht. Warum die Beschneidung gerade jetzt im 21. Jahrhundert eine wichtige Operation ist, wird im Folgenden dargestellt.

1. Häufigkeit der Beschneidung
Weltweit sind 25% aller Männer beschnitten. Die Beschneidungshäufigkeit bei Muslimen liegt pro Jahr bei 10 Mio. Beschneidungen. In Afrika werden ca. 9 Mio. Beschneidungen pro Jahr durchgeführt. Bei Juden in Israel ca. 100 000 Beschneidungen pro Jahr. Empirische Daten aus den Vereinigten Staaten zeigen, dass 88% der Weißen und 73% der Schwarzen beschnitten sind. Hingegen nur 42% des hispanischen Bevölkerungsanteils. Ebenfalls hohe Beschneidungsraten zeigen sich in Australien (70%). In Europa sind lediglich 10-15% der Männer beschnitten.
Im Wesentlichen wird über die angeborene (primäre) Phimose und die erworbene (sekundäre) Phimose unterschieden.

2. Operationsindiktion zur Beschneidung
Die Indikation zur Beschneidung ist gegeben, wenn z. B. vor dem 3. Lebensjahr Schmerzen bei der Miktion (Blasenentleerung) oder eine Aufballoni-
rung der Vorhaut während Miktion besteht. In seltenen Fällen tritt sogar eine Harnverhaltung auf. Rezidivierende Harnwegsinfekte oder immer wieder auftretende lokale Entzündlichkeiten im Bereich der Vorhaut, die sich mit lokaler Salbentherapie nicht beheben lassen, stellen eine Indikation zur Zirkumzision dar.
Nach dem 3. Lebensjahr erweitert sich das Indikationsspektrum, wenn sich die Vorhaut nur teilweise oder gar nicht nach hinten verschieben lässt. Vorhautverengungen (wie Smegma- Retentionen) führen meist zu rezidivierenden Entzündlichkeiten. Eine ausreichende Hygiene lässt sich bei stark verengter Vorhaut (Präputium) nicht durchführen.

3. Medizinische Vorteile der Beschneidung
Wurde eine Beschneidung durchgeführt, zeigt sich die alltägliche Reinigung gegenüber nicht beschnittenen Männern deutlich erleichtert.
Neben der leichteren Reinigung muss aus medizinischer Sicht der anschließende Trocknungsvorgang der Eichelhaut als noch wichtiger angesehen werden! Unter einer Vorhaut entsteht leicht eine feuchte Kammer, in diesem Milieu können sich Krankheitserreger leichter vermehren und zu einer Erkrankung der Vorhaut oder der Harnwege führen. Nach Zirkumzision treten Vorhautentzündungen so gut wie nicht mehr auf. Desweiteren treten Genitalinfektion bei Paaren nach einer Beschneidung mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf.
Das Risiko an einem Peniskarzinom als Mann zu erkranken beläuft sich nach Zirkumzision fast gegen 0. Nach Beschneidung sinkt das Risiko an einem Harnwegsinfekt zu erkranken um das 10 fache.
Die Wahrscheinlichkeit an einer sexuell übertragbaren Erkrankung (HIV, HPV) zu erkranken sinkt nach Beschneidung deutlich.

4. Woran liegt das?
Die Eintrittspforten für HIV-Viren oder HPV-Viren sind das innere Präputialblatt. Das innere Präputialblatt ist von seinem anatomischen Aufbau eher mit weniger Zellschichten versehen. Für HIV oder HPV-Viren ist es somit leichter, diese dünnere Haut zu überwinden. Desweiteren finden sich Langerhanssche Zellen (Immunzellen), welche sich in dieser Haut befinden. Selbige Zellen erleichtern den Transport der genannten Viren durch diesen Hautteil. Im Bereich der Penisschafthaut oder Eichel besteht ein deutlich geringeres Risiko für den Eintritt dieser Viren. Das innere Vorhautblatt ist somit die Hauptgefahrenzone für den Eintritt von HIV-Viren und HPV-Viren.
Deshalb sollte aus medizinischer Sicht die Beschneidung immer unter kompletter Resektion des inneren Präputialblattes erfolgen!

5. Hautnahtfreie Beschneidung (Zirkumzision)
Die hautnahtfreie Beschneidung (Zirkumzision) stellt eine innovative Operationstechnik zur Entfernung der Vorhaut dar.
Bei der hautnahtfreien Beschneidung handelt es sich um eine normale Freihandzirkumzision, die in gedeckter oder radikaler Form durchgeführt werden kann. Die Beschneidungslinie kann individuell festgelegt werden. Im Unterschied zur konventionellen Technik wird zum Hautverschluss kein Fadenmaterial verwendet, sondern ein gängiger Hautkleber. Die Vorteile der hautnahtfreien Beschneidungstechnik liegen darin, dass durch Fadenmaterial keine Wundinfektionen oder Narbenbildungen ausgelöst werden können. Ein ggf. notwendiges Ziehen von noch verbliebenen Restfäden entfällt ebenfalls. Ein weiterer Vorteil liegt bezüglich der konventionellen Beschneidung auch darin, dass auf Verbandsmaterial im Wesentlichen verzichtet werden kann und im Normalverlauf eine Creme-Therapie oder das Baden in desinfizierenden Lösungen nicht notwendig ist.

6. Die Vorteile der hautnahtfreien Beschneidung gegenüber der herkömmlichen Beschneidung sind vor allem:
- Eine kürzere Operationszeit
- Es werden keine Hautfäden zum Wundverschluss verwendet
- Die Fäden müssen nicht mehr gezogen werden
- Wund- und Hautnahtentzündungen durch Fadenmaterial tritt nicht mehr auf
- In der Regel kann nach einem Tag auf das Verbandsmaterial verzichtet werden
- Geringere Narbenbildung im Hautverschlussbereich

7. Konventionelle Beschneidung
Bei der konventionellen Beschneidung handelt es sich um eine übliche Freihandtechnik, die Beschneidungslinien können individuell festgelegt werden. Normalerweise wird bei der konventionellen Beschneidung zum Hautverschluss gängiges Fadenmaterial verwendet. Hier kann wiederrum zwischen verschiedensten Beschneidungstechniken und Beschneidungsstilen aller Art unterschieden werden.

8. Ein Biomedizinischer Imperativ!
Einzelne HPV Viren können bei Frauen Gebärmutterhalskarzinom (Zervixkarzinom) verursachen. Bei nicht beschnittenen Männern befindet sich ein deutlich erhöhtes Viruspotential von HPV Viren unter der Vorhaut. Selbige werden ausschließlich durch sexuellen Kontakt übertragen. Weltweit kommt
es zu 493.000 Neuerkrankungen am Gebärmutterhalskarzinom pro Jahr. Umso erschreckender zeigt sich die Rate der jährlichen Todesfälle von 273.000 Frauen. Hierbei lässt sich ganz deutlich zeigen, dass in Ländern mit hoher Beschneidungsrate (USA, Australien, islamische Länder) eine deutlich niedrigere Erkrankungsrate vorliegt. In Ländern, in welchen relativ selten eine Beschneidung durchgeführt wird (Ostafrika, Mittelamerika) liegt die Erkrankungsrate von Gebärmutterhalskarzinom bei ca. 100 Frauen auf 100.000 Frauen.
Neben der möglichen HPV Impfung für Jugendliche ab 13 Jahren, stellt die Beschneidung eine sinnvolle Möglichkeit dar, das Infektionsrisiko durch HPV –Viren deutlich zu verringern. Die Beschneidung kann als eine „chirurgische Impfung“ angesehen werden.
Angesichts der Gesamtproblematik, welche durch HIV- und HPV Infektionen weltweit ausgelöst wird, ist es derzeit nicht abschätzbar, welche Verringerung an menschlichem Leid und Folgekosten eine flächendeckende Beschneidung bewirken würde.
Aus meiner Sicht ist die Beschneidung im 21. Jahrhundert ein biomedizinischer Imperativ!

9. Weitere Informationen
Weitere Informationen zum Thema Phimose sowie zu Beschneidungstechniken aller Art finden Sie unter:
www.urodoctor.de (Film)
www.urologie.de/Beschneidung.html
www.urologie.de/phimose.html