Fachärztin für Neurologie, Psychiatrie
Gemeinschaftspraxis Dres.Schwarz/Essink-Hassels
Hilgardstr. 30
67346 Speyer
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Depression

Depression – eine ernstzunehmende Erkrankung

 

1. Erkrankung, Häufigkeit

Die Depression ist eine häufige Erkrankung. Laut Studien sind in Deutschland 5-10% der Menschen an einer Depression erkrankt, was bedeutet, dass mindestens 5 Millionen Menschen von der Depression betroffen sind.

Die Schwere der Erkrankung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass leider trotz heute guter Behandlungsmöglichkeiten 15% der an Depression Erkrankten sich selbst das Leben nehmen, 20-40% einen Selbsttötungsversuch unternehmen und bis zu 80% im Rahmen der Erkrankung zumindest daran denken, sich das Leben zu nehmen.

Abgesehen von dem nicht abzuschätzenden Leid, das die Erkrankung für Betroffene und deren Angehörige bedeutet, sind auch die ökonomischen Kosten dieser Erkrankung durch Arbeitsunfähigkeitszeiten, Behandlungskosten und Frühberentung hoch.

Depressionen treten in jedem Lebensalter - schon bei Kindern und bis ins hohe Lebensalter - in allen gesellschaftlichen Schichten und in allen Kulturen auf. Frauen sind doppelt so häufig betroffen wie Männer, was auf stärkere hormonelle Schwankungen bei Frauen zurückgeführt wird (monatlicher Zyklus, Schwangerschaft, Menopause).

Der Begriff Depression stammt aus dem Lateinischen – deprimere – und bedeutet herunter- oder niederdrücken, also Niedergeschlagenheit oder Bedrücktheit, früher sprach man auch von Melancholie.

Jeder kennt Phasen der Trauer oder Traurigkeit, Stimmungsschwankungen oder große Erschöpfung. Doch diese kurzfristigen Gefühlszustände sind noch keine Depression. Von einer Depression im Sinne einer ernstzunehmenden, behandlungsbedürftigen Erkrankung spricht man, wenn verschiedene seelische und körperliche Störungen zusammenkommen und die Lebensqualität über einen längeren Zeitraum, nämlich mehr als 14 Tage, anhaltend beeinträchtigen.

2. Symptomatik

Zu den typischen Symptomen gehören:

- Negative Gedanken wie Hoffnungslosigkeit, Pessimismus, Schuldgefühle, Wert- und Hilflosigkeit, innere Leere und ein Gefühl der Sinnlosigkeit bis hin zu Sebsttötungsgedanken

- Bedrückte Grundstimmung, Freudlosigkeit, grundloses Weinen oder Fehlen von Tränen

- Antriebs- / Interesselosigkeit, Rückzug, Apathie, Wortlosigkeit

- Innere Unruhe, Ängste, Getriebenheit, Gereiztheit

- Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Entscheidungsunfähigkeit, kreisende Gedanken

- Vegetative Störungen wie Schlafstörungen, Appetitstörungen, Libidoverlust

- Anhaltende Körpersymptome ohne ausreichendes organisches Korrelat, die nicht auf Behandlung ansprechen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Herzbeschwerden, Verdauungsbeschwerden, chronische Schmerzen, u.a.

Es müssen nicht immer alle Symptome vorhanden sein. Die Ausprägung der Symptome ist individuell verschieden, korreliert mit der Schwere der Erkrankung und kann sich im Laufe der Erkrankung ändern.

Die Vielgestaltigkeit der Depression ist einer der Gründe, warum immer noch 50% der Erkrankungen nicht erkannt und behandelt werden, zumal auch die Betroffenen selber die Erkrankung oft nicht als solche erkennen oder nicht wahrhaben wollen, weil sie Vorurteile befürchten.

3. Formen der Depression

Je nach Schwere, Verlauf und zusätzlichen Faktoren unterscheidet man verschiedene Formen der Depression.

Eine einmalige Depression wird depressive Episode, die wiederkehrende Depression rezidivierende oder unipolare Depression, früher endogene Depression und eine dauerhafte, sich verstärkende Depression Dysthymie genannt.

Sonderformen sind die saisonal abhängige Depression und depressive Phasen im Rahmen der manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare Störung genannt.

Depressionen, die Folge körperlicher Erkrankung oder medikamentöser Nebenwirkung sind, nennt man somatogene Depression.

Spielen vor allem belastende Lebensereignisse eine Rolle, spricht man von reaktiver Depression.

4. Ursachen, Auslöser

Die Ursachen der Depression sind vielfältig. Man geht von Wechselwirkungen zwischen biologischen und psychosozialen Faktoren aus.

Wesentliche biologische Ursachen sind Hirnstoffwechselstörungen, die den Botenstoff-/Transmitterstoffwechsel betreffen, vor allem von Serotonin und Noradrenalin. Genetische Faktoren (Vererbung) spielen eine Rolle ebenso wie Persönlichkeitsfaktoren und in der Auslösung der Depression belastende Lebensereignisse wie Trennung, Scheidung, Tod, berufliche oder finanzielle Krisen, Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt (Pubertät, Schwangerschaft, Wechseljahre, Pension).

5. Diagnose

Der erste Schritt zur Therapie ist eine exakte Diagnose. Wenn sich aufgrund der Symptomkonstellation der Verdacht auf eine Depression ergibt, müssen zunächst eine körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen und eventuell zusätzliche diagnostische Maßnahmen erfolgen, um organische Ursachen der Depression auszuschließen. Ist dies – meist über den Hausarzt – erfolgt, sollte die weitere Abklärung im Idealfall über einen Psychiater oder Nervenarzt erfolgen.

Im eingehenden diagnostischen Gespräch werden die Symptome, die aktuelle psychosoziale Situation, aktuelle und zurückliegende Lebensereignisse, die Familienanamnese, eventuelle frühere Erkrankungsphasen und deren Behandlung sowie ggf. mit spezifischen Tests weitere Informationen ermittelt.

6. Therapie

Die Wahl der Behandlung hängt von den Untersuchungsergebnissen ab. Es stehen verschiedene antidepressiv wirksame Medikamente und Psychotherapien zur Verfügung. Daneben können seltenere Verfahren wie Schlafentzugstherapie, Lichttherapie und in speziellen Situationen auch Elektrokrampftherapie eingesetzt werden. Neuere Verfahren wie Magnetstimulation und Nervus-Vagus- Stimulation sind noch nicht etabliert und kommen nur in Universitäts- oder Forschungseinrichtungen zur Anwendung.

Medikamente zur Behandlung der Depression stehen seit 1957 zur Verfügung. Die antidepressive Wirkung entfalten sie über eine Beeinflussung des Transmitterstoffwechsels im Gehirn. Bei etwa 70% der Patienten bewirkt bereits das zuerst eingesetzte Antidepressivum eine Besserung. Manchmal muss die Medikation allerdings mehrfach umgestellt werden, bis eine optimale Wirkung erzielt ist.

Zu den großen Gruppen der Antidepressiva gehören die tricyclischen Antidepressiva, die Serotoninwiederaufnahmehemmer SSRI, andere Wiederaufnahmehemmer, MAO-Hemmer, Lithium und andere Stimmungsstabilisierer. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen stehen auch pflanzliche Medikamente zur Verfügung.

Unter den Antidepressiva auftretende Nebenwirkungen sind meist tolerabel, manchmal muss allerdings auch die Substanzgruppe gewechselt werden.

Alle Antidepressiva machen nicht abhängig.

Ihre Wirkung tritt frühestens nach 14-tägiger regelmäßiger Einnahme ein. Deswegen müssen zur Überbrückung dieser Zeit manchmal Beruhigungsmittel (Tranquilizer) eingesetzt werden. Die volle Wirkung der Antidepressiva entwickelt sich innerhalb von 6-8 Wochen.

Die medikamentöse Behandlung (Art, Dosis, Dauer, Reduktion), der Einsatz zusätzlicher therapeutischer Verfahren wie Psychotherapie u.a. müssen im Einzelfall im regelmäßigen Gespräch mit dem behandelnden Nervenarzt oder Psychiater abgestimmt werden.

Zu frühes Absetzen der Medikamente kann Rezidive, im schlimmeren Fall sogar Chronifizierung der Depression begünstigen. Die Dauer der Behandlung beträgt üblicherweise mindestens 6 Monate, oft bis zu einem Jahr.

Selten ist eine langjährige Therapie erforderlich, vor allem bei rezidivierender Depression oder bipolarer Störung.

Als psychotherapeutische Verfahren kommen die kognitive Verhaltenstherapie und die interpersonelle Psychotherapie zum Einsatz. Die kognitive Verhaltenstherapie hilft Wege aus der depressiven Sichtweise aufzuzeigen, von unrealistischen Erwartungen Abschied zu nehmen und die Fähigkeit zur Bewältigung von Lebensproblemen aufzubauen.

Bei der interpersonellen Psychotherapie (in den USA entwickelt) werden Beziehungsstrategien der Patienten analysiert und andere, weniger stressfördernde Handlungsstrategien erarbeitet.

Die Behandlung der Depression ist immer ein langwieriger Prozess und fordert oft die Geduld der Patienten und deren Angehörigen heraus.

Die Einbindung von Angehörigen in die Therapie, die eventuelle Anbindung an Selbsthilfe- oder Angehörigengruppen, der Einbezug komplementärer Dienste (psychosoziale Dienste, unterstützende Dienste bei Problemen im Arbeitsleben) und Hilfe bei weiteren sozialen Fragen (Rehabilitation, Feststellung einer Behinderung, Berentung) sind ebenfalls notwendige Maßnahmen, die nervenäztlich bzw. psychiatrisch koordiniert werden müssen.

In den meisten Fällen ist es möglich, die Depression ambulant zu behandeln. Selten sind stationäre Behandlungen in psychiatrischen Kliniken erforderlich, die heute fast überall über spezifische Depressionsstationen verfügen. Auch bei der Wahl der geeigneten stationären Einrichtung ist eine Beratung durch einen Facharzt für Nervenheilkunde oder Psychiater hilfreich.

7. Fazit

Die Depression ist heute unter adäquater Behandlung eine gut beherrschbare Erkrankung.

Ebenso wie es nicht nur eine Ursache der Depression gibt, gibt es auch nicht nur eine Therapie.

Die Koordination medikamentöser, psychotherapeutischer und anderer therapeutischer Maßnahmen sowie der Einbezug komplementärer Dienste und Unterstützung bei psychosozialen Fragen führen zum Erfolg.